Nosokomiale Infektionen eliminieren – die bevorstehende Herausforderung

Professor Ojan Assadian reflektiert im Interview mit HARTMANN über den aktuellen Stand und die zukünftigen Herausforderungen im Kampf gegen nosokomiale Infektionen.

Nosokomiale Infektionen waren schon lange vor COVID-19 ein Problem und sie werden es auch nach der Pandemie noch sein. Jedes Jahr infizieren sich immer noch Millionen von Menschen in Gesundheitseinrichtungen - und etwa die Hälfte dieser Infektionen kann mit den richtigen Hygienemaßnahmen verhindert werden. Momentan werden diese Zahlen leider von COVID-19 überschattet. Darum haben wir uns mit Professor Ojan Assadian getroffen, um über den aktuellen Stand der Bekämpfung von nosokomialen Infektionen und seine Vorstellungen darüber zu sprechen, wie sie sich nach dem Ende der Pandemie weiterentwickeln wird. 

 

Professor Assadian ist medizinischer Direktor des Krankenhauses Wiener Neustadt, Österreich, und Emeritus Professor am Institute of Skin Integrity and Infection Prevention, University of Huddersfield, Grossbritannien. Er ist spezialisiert auf die Prävention und Kontrolle von nosokomialen Infektionen, chronischen Wunden und Infektionen an der Operationsstelle. 

HARTMANN: Herr Professor Assadian, darf ich Sie zunächst fragen, ob Sie der Meinung sind, dass nosokomiale Infektionen als ernstes Problem im Gesundheitswesen angesehen werden? 

Prof. Assadian: Es ist schon lange bekannt, dass nosokomiale Infektionen eine grosse Herausforderung darstellen. In den letzten 20 Jahren hat es jedoch einen Paradigmenwechsel gegeben. Es geht darum, die Tatsache zuzugeben, dass wir Infektionen und Komplikationen sehen, die naturgemäß mit diagnostischen und therapeutischen Verfahren bei Patienten verbunden sind. Wir haben uns von einer Kultur der Scham und Schuldzuweisung wegbewegt hin zu einer Kultur der Objektivität, in der wir frei über die Herausforderung sprechen und Lösungen entwickeln. 

 

Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist die Eindämmung von Übertragungen in den Fokus gerückt. Hat die Pandemie nosokomiale Infektionen reduziert? 

Viele denken, dass die Pandemie es einfacher gemacht hat, weil so viele Menschen die Grundlagen und Prinzipien von Infektionskrankheiten jetzt besser verstehen als noch vor drei oder vier Jahren. Dem stimme ich jedoch nicht ganz zu. Im Gegenteil: Das Coronavirus hat zu einer kollektiven Fokussierung auf ein einziges Virus geführt und unsere Aufmerksamkeit besonders von bakteriellen Infektionen abgelenkt.  

Wir haben zum Beispiel eine kleine Studie mit Corona-Patienten durchgeführt, um zu sehen, wie viele auch infizierte chronische Wunden hatten. Wir fanden heraus, dass die Verteilung von chronischen Wunden bei Patienten mit COVID-19 sehr ähnlich ist, wie wir sie bei Patienten vor der Pandemie gesehen haben, nämlich bei etwa 15 Prozent. Jetzt jedoch liegt die Priorität bei der Versorgung dieser Patienten auf der Behandlung von COVID-19, wobei die moderne Wundversorgung weniger im Vordergrund steht. Andere medizinische Probleme erhalten nicht den gleichen Fokus und die gleiche Aufmerksamkeit.  

 

Haben Sie es im vergangenen Jahr als schwierig empfunden, das Bewusstsein für nosokomiale Infektionen zu schärfen? 

Es gibt negative und positive Aspekte. Auf der positiven Seite stellen wir fest, dass wir mit dem täglichen Medienfokus auf SARS-CoV-2 eine noch nie dagewesene Chance haben, die Weltbevölkerung über die Reduzierung der Übertragung von Infektionskrankheiten zu schulen. All diese epidemiologischen Begriffe wie Prävalenz, 7-Tage-Inzidenz, Basis-Übertragungsrate R0 oder persönliche Schutzausrüstung werden heute allgemein viel besser verstanden. Noch vor zwei Jahren kannte niemand die Unterschiede zwischen einer OP-Maske, einer FFP2-Maske oder einer KN95-Maske. Heute diskutieren selbst Laien auf erstaunlich hohem medizinischem Niveau über deren Unterschiede. 

Das Gespräch in den Medien hat sich sogar auf Diagnostik und Impfstofftechnologien ausgeweitet. Die Menschen wissen jetzt über Antigene, PCR und molekulare Typisierung Bescheid und diskutieren über das Für und Wider von mRNA- und Vektorimpfstoffen. Ich hoffe, dass wir mit der Zeit auf diesem neu geschaffenen Wissensfundament in der Bevölkerung aufbauen können. Die Herausforderung ist jedoch, dass viele andere Infektionskrankheiten derzeit übersehen werden. Sie dürfen nicht vergessen werden. 

 

Das ist eine Frage für die Kristallkugel, aber wie schätzen Sie die Entwicklung des Risikos von nosokomialen Infektionen in den nächsten zehn Jahren ein? 

Im Allgemeinen gibt es zwei Aspekte zur Eindämmung von nosokomialen Infektionen. Erstens, die Schulung des medizinischen Personals; und zweitens, die Verfügbarkeit von intelligent gestalteten medizinischen Geräten. Letzteres ist ein sehr wichtiger Aspekt, der häufig übersehen wird. 

Wenn wir uns zum Beispiel Harnwegsinfektionen anschauen, haben sich die Designs und Materialien von Kathetersystemen in den letzten 30 Jahren komplett verändert, was einen enormen Beitrag zur Reduzierung von Harnwegsinfektionen geleistet hat. Dasselbe gilt für Übertragungen durch Blut. Vor 20 Jahren hatten wir noch nicht die gleichen Sicherheitsprodukte, die heute ebenfalls einen enormen Einfluss haben. 

Andererseits müssen wir, wenn wir einen realistischen Blick auf die Daten bezüglich der postoperativen Wundinfektionen werfen, zugeben, dass der Rückgang nicht signifikant war. Wir haben noch einen gewaltigen Weg vor uns. Meine Prognose ist, dass die gerätebedingten Infektionen mit der zunehmenden Verfügbarkeit intelligenter, besser konzipierter und konstruierter medizinischer Systeme weiter zurückgehen werden. Um jedoch einen Rückgang der chirurgischen Wundinfektionen zu erreichen, bedarf es erheblicher Veränderungen in der Art und Weise, wie wir Operationen durchführen. Die kontinuierliche Zunahme von endoskopischen Eingriffen trägt dazu bei. Ich denke jedoch, dass es eine grosse Herausforderung sein wird, chirurgische Wundinfektionen weiter signifikant zu reduzieren. 

 

Sie wollen damit sagen, dass wir zu weniger invasiven chirurgischen Eingriffen übergehen und dass dies zu einem Rückgang der Häufigkeit von Infektionen führen wird, richtig? 

Absolut. Oder eine Veränderung der chirurgischen Wundinfektion. Zum Beispiel ist bei Herzpatienten, die einen Herzschrittmacher benötigen, der aktuelle Standard ein invasiver Eingriff. Es ist ein relativ kleiner Eingriff, aber man muss trotzdem die Haut öffnen, den Muskel präparieren, einen Fremdkörper (den Schrittmacher) einsetzen und einen Draht einbringen. Aber wir sehen jetzt zunehmend die Einführung neuer Technologien, bei denen der Herzschrittmacher transkutan platziert wird. Man geht durch die Haut, um einen Mikroschrittmacher in das Herz zu implantieren. Das ist weit weniger invasiv und birgt daher ein geringeres Infektionsrisiko.  

Daher hängt der Effekt auf nosokomiale Infektionen von der Verfügbarkeit dieser Art von moderner Technologie ab. Natürlich ist es offensichtlich, dass nicht alle Gesundheitszentren in der Lage sein werden, sofort auf neue Technologien und Strategien umzusteigen, sondern es wird schrittweise einen Wandel geben. Und wir müssen auch bedenken, dass nicht alle Patienten für den Einsatz dieser neuen Technologien geeignet sind. 
 

 

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