Interview: Wie ein junger Arzt die Idee für Sterillium® hatte

Prof. Dr. med. Peter Kalmár war noch sehr jung als er die Idee für ein einfaches Händedesinfektionsmittel hatte.
Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Professor Kalmár, bitte schildern Sie kurz die wichtigsten Stationen Ihrer Karriere. 

Ich wurde 1952 in meiner Heimatstadt Budapest im damals kommunistisch regierten Ungarn zum Medizinstudium zugelassen. Nur anderthalb Jahre später wurde ich jedoch aus politischen Gründen von der Uni geworfen – ich stammte aus einer grossbürgerlichen Familie. Nachdem der Tod Stalins einige Zeit später auch in Ungarn zu einer gewissen Liberalisierung der politischen Verhältnisse geführt hatte, beantragte ich eine Neuzulassung und durfte mein Studium wieder aufnehmen. Nebenbei arbeitete ich in einem großen Ambulatorium, konnte also parallel zu meinem Studium Medizin erstmals auch praktisch ausüben. Dann ereignete sich der Ungarische Volksaufstand von 1956 und ich musste das Land verlassen. Ich kam nach Hamburg, wo ich weiterstudieren konnte und 1958 das Examen ablegte. Nach meiner Assistenzzeit und der chirurgischen Facharztausbildung an verschiedenen Stationen fing ich Anfang 1964 am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) an. 

 

Wie war damals die dort gängige Praxis bei der Händedesinfektion vor Operationen oder der Patientenvisite? 

Man muss unterteilen zwischen der hygienischen und der chirurgischen Desinfektion. Letztere bestand damals darin, dass man seine Hände fünf Minuten lang unter fliessendem Wasser mit Seife und einer Bürste ziemlich aggressiv reinigen musste. Nach dem Abtrocknen wurden die Hände weitere fünf Minuten lang mit hochprozentigem Alkohol gespült und anschliessend mit einem sterilen Handtuch abgetrocknet. Diese zehnminütige Waschung war zwar effektiv und wirksam, für die hygienische Händedesinfektion allerdings viel zu aufwändig. Die Dichte (oder die Anzahl) der transienten Keime auf der Haut kann mit einer einfachen Handwäsche auf 10% verringert werden, wie es ja derzeit im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie in den Medien empfohlen wird. Um die Hände aber wirklich sauber zu bekommen, benötigt man ein Waschbecken, fließendes Wasser, Seife, ein sauberes Handtuch, Platz und Zeit. Im klinischen Betrieb ist das natürlich nicht sehr effektiv. 


Wie stellten Sie fest, dass ein Bedarf für ein Produkt wie Sterillium bestand? 

Das UKE war ein grosses Klinikum. Jeden Mittwoch führte der damalige Direktor in Begleitung von rund einem Dutzend Ärzten und Assistenten seine Chefvisite durch. Auch ich war als neugieriger junger Assistent mit von der Partie. Vor einem als „SEPTISCH“ markierten Krankenzimmer stand ein Holzstuhl mit einer Waschschüssel darauf. Über der Lehne hing ein immer etwas nasses Handtuch, in der Schüssel war eine Lösung zur Händedesinfektion. Nach jedem Patientenkontakt wusch sich der Direktor die Hände in einem der Waschbecken, die es damals schon fast in allen Krankenzimmern gab. Alle anderen tauchten ihre Hände in die Waschschüssel vor der Tür, um sie wieder keimarm zu machen. Weil die Flüssigkeit in der Schüssel aber nicht besonders vertrauenerweckend aussah, entnahm ich ihr eine Probe und brachte sie in die Bakteriologie. Am nächsten Tag erhielt ich die Mitteilung, dass sich in dieser Flüssigkeit tatsächlich eine ganze Reihe von gramnegativen Keimen gut vermehren konnte. Die Effektivität dieser sogenannten Desinfektions-Lösung war also, gelinde gesagt, nicht optimal. 

 

Was schwebte Ihnen zur Verbesserung vor? 

Es bedurfte zur hygienischen Händedesinfektion einer effektiven und praxis nahen Lösung, mit der man ohne viel Aufwand und ohne Nebenwirkungen in kurzer Zeit in der Lage war, Kontaminationskeime von der Hand zu entfernen oder abzutöten. Es gab zwar Desinfektionsmittel, aber diese kamen im Alltag nicht zum Einsatz. Die Handwäsche war zu aufwändig, die Waschschüssel war nicht sehr effektiv. Man benötigte also ein Mittel, das man in die Haut einreiben konnte, ohne dass diese dadurch angegriffen wurde. Durch Zusatzstoffe sollte es ausserdem in die tiefere Hornhautschicht eindringen können, um die Keime effektiv zu reduzieren. Das war die Definition von Händehygiene, die wir vor Augen hatten. Man muss auch dazu sagen: Es gab damals noch keine Einmalhandschuhe. Die kamen erst zehn Jahre später auf den Markt und vereinfachten die ganze Problematik erheblich. Davor gab es nur Waschung oder nichts 

 

Wie ging es dann weiter? 

Ich habe meinem damaligen Chef meine Idee dargelegt, und er brachte mich über seine Kontakte mit der Bacillol-Fabrik Bode in Verbindung. Von dort kam wenige Tage später Rolf Steinhagen zu mir, der bei Bode für die Kontakte zu den Kliniken zuständig war und auch mit dem Thema Flächendesinfektion zu tun hatte. Ich schilderte ihm mein Vorhaben und gemeinsam begannen wir, nach möglichen Lösungsansätzen zu suchen. Anhand der Literatur und den verfügbaren Erfahrungsberichten aus der Praxis überprüften wir die auf dem Markt vorhandenen Wirkstoffe. Dabei stellten wir fest, dass sämtliche auf diese Weise von uns theoretisch in Betracht gezogenen Mittel Wirkungslücken hatten oder nicht richtig effektiv oder ausreichend hautverträglich waren. In diesem Ausschlussverfahren kamen wir immer wieder auf Alkohol zurück – allerdings nicht in sehr hochprozentiger Form, sondern mit einem Alkoholgehalt von etwa siebzig Prozent. 

 

Gab es medizinische oder technische Herausforderungen, die Sie bei der Entwicklung überwinden mussten? 

Die Wirksamkeit des Alkohols an der Oberfläche ist jedoch nicht voll ausreichend – insbesondere für eine chirurgische Händedesinfektion muss er auch tiefer in die Haut eindringen. Darüber hinaus gab es die Problematik, dass die ständige Waschung mit hochprozentigem Alkohol eine Austrocknung der Haut bewirkt. Wir brauchten daher noch eine rückfettende Substanz, um die Haut vor dieser negativen Wirkung des Alkohols zu schützen. Unsere Rezeptur lautete also: Unter-80-prozentiger Alkohol, eine Substanz, die in etwas tiefere Hornschichten eindringen konnte, und eine Art kosmetisches Öl zum Schutz der Hände. Unserer Ansicht nach gab es keine andere sinnvolle Möglichkeit. Herr Steinhagen ist mit dieser Rezeptur dann zu dem Chemiker der Firma Bode gegangen und acht oder zehn Tage später bekamen wir eine angenehm riechende Lösung zu Testzwecken zur Verfügung gestellt – das war Sterillium. Bereits beim ersten Versuch hatte der Chemiker eine Lösung gefunden, die bis heute fast ohne Veränderungen funktioniert. 

 

Welche Rolle für die erfolgreiche Entwicklung spielte Ihre Zusammenarbeit mit den Experten der Firma Bode? 

Ich war kein Fachmann auf dem Gebiet der Desinfektionsmittel, sondern Mediziner. Um sämtliche in Frage kommenden Mittel, die bis dahin in den Kliniken im praktischen Gebrauch waren, auf ihre Eignung hin überprüfen zu können, brauchte ich einen Kontakt zur chemischen Industrie. Zusammen mit Rolf Steinhagen haben wir dann zwei Monate lang Brainstorming gemacht. 

 

Für welche bleibenden Veränderungen war die Einführung von Sterillium massgeblich? 

Die Händehygiene wurde in den Vordergrund gebracht und die Mitarbeiter in den Krankenhäusern wurden nun oft durch Hinweise und bakteriologische Testungen dazu angehalten, auf Händehygiene zu achten. Wir hatten eine sehr effektive Methode entwickelt, die einfach und ohne Zeitaufwand mehrfach täglich benutzt werden konnte. Aufgrund der beengten Verhältnisse im Waschraum der damaligen Operationseinheit kam ausserdem die Frage auf, ob Sterillium auch für die chirurgische Desinfektion einsetzbar sei. Tatsächlich hatten die sehr  umfangreichen klinischen und mikrobiologischen Testungen in Zusammenarbeit mit der Mikrobiologie der Hautklinik auch in Bezug auf die Remanenz sehr gute Ergebnisse: Die Langzeitwirkung ist so gut, dass man bei bakteriologischen Untersuchungen auch nach drei bis vier Stunden noch die initial erreichte Keimzahlreduktion beobachten kann. In der Folge wurde Sterillium daher relativ schnell auch als chirurgisches Händedesinfektionsmittel in die mikrobiologische Liste aufgenommen. Weil es unter anderem die Vorwäsche überflüssig machte, revolutionierte Sterillium auch in der Chirurgie die Händedesinfektion. Den Kliniken stand mit Sterillium ein wirkungsvolles, praktikables und hautschonendes Präparat zur Verfügung, das sie sämtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an die Hand geben konnten, die aktiv an der Versorgung der Patienten beteiligt waren.


Bis heute hört man bei Klinik-Mitarbeiter, dass von den heute eingeführten alkoholischen Händedesinfektionsmittel zum Einreiben Sterillium nicht nur sehr gut verträglich und hautschonend, sondern auch angenehm in der Verwendung sei.
 

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