Infektionsrisiko bei periphereren Venenkathetern

Schwere Operation oder kleiner Eingriff, eine durch einen peripheren Venenkatheter ausgelöste Infektion kann die gleichen bösen Folgen haben. Eine Fallstudie.

Infektionsgefahr bei peripheren Venenkathetern

Nach der Platzierung eines peripheren Venenkatheters entzündet sich die Punktionsstelle. Die Infektion gefährdet die Heilung der Patientin von der eigentlichen OP. Ihre Leidensgeschichte, und was getan werden kann, um PVK-assiziierte Infektionen zu verhindern.

Rückschlag Infektion

Eine zusätzliche Belastung für Patienten und ihre Familie

Fast jeder, der ins Krankenhaus kommt, braucht einen Venenzugang. Dabei wird eine dünne, flexible Kanüle in eine periphere Vene eingeführt, meist am Handrücken oder an der Innenseite des Unterarms. Selbst der kleinste medizinische Eingriff macht diesen Vorgang notwendig. Entzündet sich die Punktionsstelle, können die Folgen unter Umständen gesundheitsschädlicher sein als der ursprüngliche Grund für den Krankenhausaufenthalt.

Eine Infektion eines peripheren Venenkatheters, kann einen schweren Rückschlag für die Genesung des Patienten und dessen Erholung von der OP oder der Krankheit bedeuten. Die zusätzlichen Schmerzen, die Besorgnis und schlimmstenfalls ein durch die Infektion notwendig gewordener verlängerter Krankenhausaufenthalt bedeuten eine enorme körperliche und psychische Belastung für den Patienten.

Infektionsprävention ist unsere Mission. Deshalb wollen wir genauer beleuchten, wie eine Infektion infolge eines peripheren Venenkatheters passieren kann, und wie sie verhindert werden kann.

 

Ein Routineschritt geht schief

Am Tag nach ihrer OP entwickelt eine Patientin Schmerzen und Entzündungssymptome an der PVK-Punktionsstelle.

Die Patientin, 32, der Strasbourger Universitätsklinik in Frankreich entwickelte eine Infektion nach der Platzierung eines peripheren Venenkatheters, welchen ein gynäkologischer Eingriff notwendig machte. Vor der vierstündigen Operation legte eine OP-Schwester den Venenzugang am Handrücken, oberhalb des Handgelenks.

Am nächsten Tag hatte die Patientin Schmerzen an der Punktionsstelle. Die Haut wurde rot und heiss, Symptome, die sich bald auf den Unterarm ausbreiteten. „Meine Frau konnte vor Schmerzen das Handgelenk kaum bewegen,“ erinnert sich Philippe R. in einem persönlichen Gespräch. Er ist selbst Pfleger im OP, möchte hier jedoch anonym bleiben. „Ich sah Anzeichen einer Entzündung – Schwellung, Röte, Überhitzung der Haut – welche sich innerhalb weniger Stunden auf den ganzen Arm ausbreiteten.“

 

Qualvolle Ungewissheit

Warten auf Antworten: Die Patientin hat grosse Angst vor einer allergischen Reaktion auf die Antibiotika und vor einer gefährlichen Sepsis

„Zu erfahren, dass die Ärzte meiner Frau Antibiotika verabreichen mussten, um die Infektion zu stoppen, hat uns fürchterliche Angst eingejagt,“ offenbart Philippe. Grund für diese Sorge war die gefährliche allergische Reaktion seiner Frau im Alter von 18 Jahren. Die Antibiotika hatten damals ein Angioödem verursacht. Eine weitere Sorge war, dass die Infektion zu einer Sepsis führen könnte. Glücklicherweise blieb der Patientin beides erspart.

„Sie war sehr besorgt, die Infektion würde ihren allgemeinen Gesundheitszustand und ihre Heilung beeinträchtigen“, beschreibt Philippe den zusätzlichen, unvorhergesehenen Stress seiner Frau während ihres Krankenhausaufenthalts. Als Pfleger war er sich der Gefahren, welche eine solche Infektionen bergen kann, allzu schmerzlich bewusst. Philippe erinnert sich daran, wie hilflos er sich in der Situation fühlte. Die Ungewissheit war für beide nahezu unerträglich. „Sie war nervös und besorgt, weil uns niemand genaue Informationen über die möglichen Folgen der Infektion geben konnte.“ Zum einen musste Philippes Frau zwei Tage länger im Krankenhaus bleiben als ursprünglich vorgesehen. Als sie endlich entlassen wurde, musste sie weitere 10 Tage zuhause bleiben, um sich zu erholen. Schlussendlich wirkte die Behandlung mit Antibiotika und sie genas wieder vollständig.

 

Kontamination – die lauernde Gefahr

Kleinste Momente der Unaufmerksamkeit können schwere Folgen haben

Philippe war selbst zwar nicht Teil des OP-Teams seiner Frau, arbeitet jedoch u. a. als medizinischer Berater, spezialisiert auf Infektionsprävention. Ihm persönlich war nach der OP seiner Frau nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Der Verband schien in Ordnung, der Venenkatheter funktionierte. Dennoch vermutet er, es musste irgendwann während der Platzierung des peripheren Venenkatheters eine Asepsis Lücke gegeben haben. „Infektionsprävention ist wirklich die grösste Herausforderung bei der Platzierung eines peripher venösen Katheters“, erklärt der Experte. „Wenn ich also punktiere, gehe ich logisch vor und folge bestimmten Schritten.“

 

 

M: IP bei peripheren Venekathetern

M: IP bei peripheren Venekathetern

Um bei periphervenösen Kathetern Infektionen wirksam zu vermeiden, rät Philippe Pflegekräften und ärztlichem Personal stets das Arbeitsumfeld sauber und ordentlich zu halten, permanent die eigene Vorgehensweise zu prüfen und zu optimieren und bei jedem einzelnen Schritt das Kontaminationsrisiko im Hinterkopf zu haben. Was in der Regel schiefläuft? „Es gibt eine bestimmte Methode, in eine Vene zu stechen ohne Gefahr zu laufen, die Keimfreiheit zu verletzen“, erklärt Philippe. Schuld an Asepsislücken seien häufig unzulängliche Vorbereitung der Haut vor dem Legen des Venenzugangs und Fehler im Umgang mit den verschiedenen Komponenten, welche in einem unachtsamen Augenblick sehr schnell kontaminiert werden können. Genauso wichtig sei es, den Katheter vorsichtig mit der Kanüle zu verbinden und dabei Asepsis zu bewahren. Zum Schluss muss auch der Verband sehr vorsichtig angelegt werden. Der Erfahrung des Krankenpflegers nach wäre die Infektion seiner Frau absolut vermeidbar gewesen.

„Wir sehen Venenkatheter seither in einem vollkommen anderen Licht“, sagt Philippe und bestätigt, dass die Herangehensweise beim Platzieren eines pheripervenösen Katheters genau die gleiche ist, ob bei einem schweren Eingriff oder einer kleinen OP. Deshalb ist auch das Risiko einer Infektion das gleiche. Der Vorfall hat Philippes ganze Familie äusserst vorsichtig gemacht, nicht nur was periphervenöse Katheter angeht, sondern auch beim Blutabnehmen und jeder anderen Art der Punktion oder Injektion. „Wir zögern inzwischen nicht mehr, das ärztliche Personal zu fragen, wie sie sich die Hände desinfizieren, wie sie sicherstellen, dass die Einstichstelle keimfrei bleibt, ob sie Einmalhandschuhe tragen oder wie sie vorhaben, die sterilen Komponenten zu handhaben.“

 

Vor- und Nachteile bei Routinevorgängen

Wenn man zu gut weiss, was man tut

Eine periphere Vene zu punktieren und über eine feine Kanüle venösen Zugang zu legen ist eine der routiniertesten Vorgänge für Pflegekräfte und ärztliches Personal. Ein Vorteil und ein Problem zugleich. Weshalb? Pfleger wissen fachlich, was sie tun und denken deshalb unter Umständen nicht mehr bewusst über jedes kleine Detail nach. „Einen periphervenösen Katheter zu platzieren ist so Routine, Pfleger vergessen vielleicht, welch schwere Folgen selbst kleinste Fehler haben können“, sagt Agathe Borni, die innerhalb des HARTMANN-Infektionspräventionsprogramms für Kommunikation verantwortlich ist.

In ihrer Rolle als Kommunikationsexpertin erkundet Agathe Borni unterschiedliche Ideen, Informationen zu Infektionsprävention an medizinisches Personal zu vermitteln. Zum Beispiel, wie man die Komponenten einer Katheterplatzierung vorbereitet, ohne sie zu kontaminieren. Einzel verpackte Sets könnten beispielsweise nützlich sein, um dem Risiko einer Kontamination vorzubeugen

 

Ausreichende Schulung und leicht verständliche Infos

Visuelle Schritt-für-Schritt-Praxisanleitungen können dem Personal helfen, rundum die Keimfreiheit zu bewahren

Gute Schulung des medizinischen Personals ist wichtiger Bestandteil der Infektionsprävention. Pflegekräfte sind fachlich wirklich gut ausgebildet, was die einzelnen Schritte einer periphervenösen Kathetherplatzierung angeht“, betont Agathe Borni. „Weil der Vorgang aber derart Routine ist, vergisst man vielleicht Kleinigkeiten, wie etwa, wo man die einzelnen Komponenten ablegt, nachdem man die sterile Verpackung aufgemacht hat. Oder dass man sich nach dem Öffnen des Sets noch einmal die Hände desinfizieren muss, weil die Verpackung aussen nicht steril ist.“

Agathe Borni schlägt kurze Trainingsmodule vor, oder visuelle Prompts am Arbeitsplatz, um Mitarbeitern zu helfen, jeden vorgeschriebenen Schritt konsequent auszuführen. Die Kommunikationsexpertin weiss: Ist man sich über einen Schritt unsicher, bleibt im Pflegealltag keine Zeit, etwas in einem Handbuch nachzuschlagen oder schnell zu googeln. „Stattdessen braucht das Pflegepersonal etwas sehr anschauliches“, sagt Agathe Borni. „Ein Poster im Behandlungszimmer, das jeden Schritt des Vorgangs illustriert oder ein kurzes Video wären hilfreicher.“

„Wir wissen alle, wie man eine Kanüle setzt“, stimmt Philippe ihr zu. „Kontamination während der Platzierung eines periphervenösen Katheters passiert meist während der kleinen Augenblicke zwischen den fachlichen Schritten

 

Mit logischen Schritten Infektionen vermeiden

Schlussfolgerung

Mit einem peripher venösen Katheter assoziierte Infektionen sind fast immer vermeidbar. Allerdings ist der Vorgang derart Routine, dass medizinisches Personal womöglich nicht bewusst über jeden Schritt nachdenkt. Fehler, die eine Kontamination verursachen passieren meistens in einem unachtsamen Augenblick. Ausreichende Schulung, kurze Auffrischer zu jedem Vorgangsschritt und simple visuelle Hilfestellungen können medizinischem Personal helfen, ihre Patienten keiner Infektionsgefahr auszusetzen.

M:IP bei periphervenösen Kathetern

10 Tipps für medizinisches Personal

  1. Regelmässig Wissen auffrischen, um „Routinemüdigkeit“ zu vermeiden
  2. Visuelle Merkhilfen im Behandlungszimmer aufhängen, die die wichtigsten Details beschreiben
  3. Jedes Mal bewusst der selben logischen Vorgehensweise folgen, und jeden Moment wachsam sein
  4. Vorher den Arbeitsbereich organisieren
  5. Einmalhandschuhe tragen, zum Schutz vor versehentlichem Kontakt mit dem Blut des Patienten
  6. Ständig eigene Methoden prüfen und optimieren, und dabei bei jedem Schritt das Risiko einer Kontamination bedenken
  7. Vor Venenpunktion die Haut antiseptisch vorbereiten
  8. Einzelne sterile Komponenten sicher handhaben, um Kontamination vorzubeugen
  9.  Katheter und Kanüle vorsichtig miteinander verbinden und Verband sorgfältig anlegen
  10.  Gewissenhaft Schritte zur Händedesinfektion befolgen

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