Stress im Arbeitsalltag

Arbeitskräfte im Sozial- und Gesundheitswesen leiden im Vergleich zu anderen Berufsgruppen stärker unter Arbeitsstress. Die Gründe dafür sind gleichermassen bekannt wie vielfältig. Im Gespräch mit Giulia Ratti, Stv. Leitung Pflege & Betreuung in der Stiftung Wohnen im Alter in Hinwil, gehen wir der Sache auf den Grund.

Das allgegenwärtige Thema Stress im Pflegealltag hebt die Stärken des Pflegepersonals hervor.

Die Erwartungen von Teamkollegen, Vorgesetzen, Patienten, Bewohner und Angehörigen sind hoch und zeigen die Komplexität dieser Berufsgruppe. 

 

Als Verbindungsglied dessen, lernen Pflegende eine vorausschauende Denkweise und ein pro-aktives Handeln. Sie werden zu einem Organisationstalent mit Fachwissen, welches Sie stetig weiterentwickeln. Durch Empathie und Freude am Beruf können die Skills an die neuen Generationen der Pflege weitergegeben werden. Dadurch lässt sich auch Stress in ein positives Licht rücken. Wie das funktionieren kann, erklärt uns Giulia Ratti, Stv. Leitung Pflege & Betreuung in der Stiftung Wohnen im Alter in Hinwil

Interview mit Giulia Ratti, Stv. Leitung Pflege & Betreuung. in der Stiftung Wohnen im Alter


Herzlich Willkommen Giulia. Als Erstes erzähle uns etwas über deine Person. 
Ich heisse Giulia Ratti, bin 30 Jahre alt und in Zürich wohnhaft. Ursprünglich komme ich aus der Ostschweiz. Ich habe ursprünglich Fachfrau Betreuung gelernt, habe mich im Bereich BESA weitergebildet, die Weiterbildung zur Fachfrau Langzeitpflege und -betreuung gemacht. Nun studiere ich an der Berner Fachhochschule und an der Universität Zürich.  

Welche Funktion nimmst du bei deinem jetzigen Arbeitgeber ein?  
Ich bin seit 2,5 Jahren als stellvertretende Leitung Pflege und Betreuung in der Stiftung Wohnen im Alter in Hinwil tätig. 

Wie ist deine persönliche Einstellung zu Stress?  
Ich finde Stress ist sehr subjektiv. Für mich ist Stress etwas Positives und ich sehe praktisch jeden Stress als Eustress (anregender, stimulierender Stress) an. Stress erhöht meine Leistungsfähigkeit und ich kann in kurzer Zeit ein hohes Mass an Aufgaben erledigen, ohne die Aufmerksamkeit und den Fokus auf Qualität zu verlieren.   

 

In welchen Situationen macht sich Stress in deinem Arbeitsalltag bemerkbar? 
Stresssituationen beginnen meist mit Dienstausfällen – nicht solche die nur einen Tag tangieren – sondern Langzeitabsenzen. Dies ist belastend für alle beteiligten Personen und in der jetzigen Situation auch nicht immer einfach zu handeln. Abdeckung von Dienstausfällen benötigt viel Zeit – Zeit, die man für anderes aufbringen könnte.

Nimmst du diesen Stress auch in deinem direkten Umfeld wahr? 
Natürlich, auch die Teamleitungen und meine Vorgesetzte sind gefordert in solchen Situationen. Man unterstützt sich, wo man kann.  

Wird das Gespräch unter Kollegen und/ oder Vorgesetzten in solchen Fällen gesucht?   
Wir sind stetig im Austausch miteinander und hören uns auch an. So, dass jeder Ballast ablegen kann. 

Wirkte sich dies auf das Wohlbefinden der Bewohner aus?   
Eine Pflegeperson, die mit Herz und Seele in der Pflege arbeitet, lässt Stress und Frust nicht an Bewohnenden aus. Das Wohlbefinden der Bewohnenden steht stets im Fokus. Es gibt sicherlich Tage, an denen man mal das Duschen verschieben muss, weil einfach zu wenig Personal da ist, z.B. wenn sich Mitarbeiter krankmelden. Dennoch versucht man die Pflege auf das Wohlbefinden des Bewohnenden anzupassen. 

Wie geht ihr in solchen Fällen mit Bewohner und auch kritischen Angehörigen um?  
Kritische Angehörige gibt es immer und überall. Ich glaube von kritischen Angehörigen kann jede Pflegeperson ein Lied singen. Man muss sich aber auch immer überlegen, wie man selbst in der Rolle als Angehöriger ist oder sein würde. Ich versuche noch heute den Angehörigen die Situation transparent und verständlich zu erklären, damit man zu einem Konsens kommt, der für den Bewohnenden stimmt. Nicht immer ist das Bedürfnis der Angehörigen auch das Bedürfnis der Bewohnenden.

Die Bewohnenden haben zu jeder Zeit das Recht Feedback und Kritik anzubringen – es ist ihr Zuhause und wir sind lediglich Akteure darin. 

Werden durch Arbeitgeber und Verband Massnahmen zur Entlastung der Mitarbeiter angeboten? 
Jeder Mitarbeiter hat zu jeder Zeit die Möglichkeit sich an unsere Personalverantwortliche zu wenden.  
Dabei sind alle Themen, welche zu einem erhöhten Stresslevel führen willkommen. Unsere Personalverantwortliche schaut dann individuell, welche Massnahmen eingeleitet werden können oder müssen.  

Hast du schon daran gedacht dich beruflich neu zu orientieren? 
Nein, für mich war es niemals ein Thema aus der Langzeitpflege auszusteigen – ich mache zurzeit das Masterstudium zur Gerontologin. Das ist kein Umstieg, sondern eine Erweiterung meiner Kompetenzen und meiner Handlungsfelder. Für mich war aber schon früh klar, dass ich nicht bis zur Pension am Bett arbeiten möchte – nicht, weil ich es körperlich zu anstrengend finde, sondern weil ich mir schon früh hohe Ziele gesetzt habe.  
 

Was kann oder muss man deiner Meinung nach unternehmen, um Pflegeberufe in Zukunft wieder attraktiver zu machen?   
Ehrlich gesagt, bin ich der Meinung, dass der Pflegeberuf attraktiv ist. Attraktivität ist auch immer betriebsabhängig, nicht jeder Arbeitgeber macht den Beruf auch attraktiv. Im Pflegeberuf ist sehr hohe Flexibilität gefragt – genauso ist der Beruf aber auch sehr anpassungsfähig auf persönliche Situationen, wie z.B. Teilzeit im Nachtdienst, wenn man Kinder hat oder Jobsharing macht.  
Ich denke es gibt einige Themen, die man jetzt hier diskutieren könnte, welche in der Pflegebranche diskutiert werden, angefangen vom demographischen Wandel bis hin zur Pflegefinanzierung. Aber manchmal empfiehlt es sich nicht zu versuchen Berge zu versetzen, sondern mit den kleinen realistischen Dingen zu beginnen. 
Die Dienstzeiten zum Beispiel werden sich nie ändern, wir haben eine 24 / 7 Präsenz zu gewährleisten. Ich denke, dem muss man sich bewusst sein, wenn man in den Pflegeberuf einsteigt.  
Wiederum hat man in einem Pflegeberuf die Möglichkeit, sich sehr breitgefächert weiterzubilden – Weiterbildungen, die auch für das persönliche Leben eine Bereicherung sind von denen man profitieren kann. Wie in jedem Beruf, gibt es auch in diesem Knackpunkte.
 
Stress hat auch viel mit der persönlichen Einstellung in bestimmten Situationen zu tun. Wie gehst du persönlich mit Stresssituationen um?  
Ich bin ein Stressmensch und kann unter enormen Stresssituationen arbeiten ohne, dass es mir an die Nieren geht. Ich verwende Stress und auch Druck, um mich selbst zu pushen – jede Stresssituation ist eine persönliche Challenge. 

Wann hat sich dies bemerkbar gemacht?  
Es gab sicherlich Zeiten, in denen auch ich mal Magenprobleme hatte oder Kopfschmerzen – ich verbinde diese aber nicht mit Stress, sondern mit Sorgen oder Problemen.

Hast du Erfahrung mit Meditation, Achtsamkeitsübungen oder andere Formen von autogenem Training?
Ich habe Erfahrung mit Selbsthypnose. Wenn ich nicht schlafen kann, dann wende ich diese an. So entleere ich meinen Kopf von all meinen Gedanken und konzentriere mich auf das Wesentliche, den Schlaf.

Nimmst du deine Arbeit mit nach Hause?  
Früher ja – heute nicht mehr. Es gibt sicherlich Situationen, in denen ich Mails beantworte oder mich um Dienstausfälle kümmere. Dies sind dann aber Ausnahmesituationen und beschäftigen mich dann auch nicht weiter gedanklich.  

Was hilft dir eine gesunde Balance zu halten zwischen Work und Life?  
Mein Partner, meine Familie und Freunde – es ist wichtig darauf zu achten, dass man nebst der Arbeit ein Leben hat, das ausgefüllt und anregend ist. 

Wie schaltest du in deiner Freizeit ab?  
Ich mag gute Filme und Musik – kann dabei auch sehr gut abschalten. Zudem ist für mich Kochen wie auch Essen eine gute Möglichkeit abzuschalten.  

Wendest du spezielle Entspannungstechniken im Alltag ein?  
Nein, ich bin ein entspannter Mensch und versuche meinen Alltag nicht von negativen Gefühlen und Gedanken zu trüben.  

Zu guter Letzt: welche Tipps und Tricks möchtest du unseren Lesern aus der Pflege mit auf dem Weg geben?  
Psychohygiene ist das A und O, wenn man auf der Pflege arbeitet – Pflegende sind auch einfach nur Menschen und wir tragen vieles mit uns herum. Wichtig ist, dass man für sich selbst Strategien entwickelt und dass man für das eigene Wohl ebenfalls Sorge trägt. 

Vielen Dank für das Gespräch Giulia.
 

"Den Helden des Alltags gewidmet, unser Pflegepersonal"

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