Jede Wunde hat ihre eigene Geschichte.

Pflegekräfte haben wunderbare Momente. Sie alle können Geschichten erzählen. Hier ist meine.

Kapitel eins: Frau Eckstein, die Patientin

Ich traf *Frau Eckstein im April 2014. Im Alter von 35 Jahren litt sie an einer chronischen Wunde. Genauer gesagt an den Nebenwirkungen einer Akne inversa, einer Erkrankung, die durch großflächige Hautabszesse gekennzeichnet ist. Im Durchschnitt hatten diese eine Größe von 4 cm x 4 cm (vergleichbar mit zwei 2-EURO-Münzen, die man nebeneinander legt).
Frau Eckstein ist Mutter und Ehefrau. Vor ihrer Erkrankung arbeitete sie in einem Kosmetikunternehmen. Aufgrund regelmäßiger Arztbesuche, Untersuchungstermine, drei Verbandswechsel am Tag und starker Schmerzen, konnte sie ihre Arbeit nicht so ausüben, wie sie wollte. Schließlich verlor sie nicht nur ihren Arbeitsplatz, sondern auch ihre Zuversicht und ihr Selbstvertrauen.

Das Leben mit einer chronischen Wunde beeinträchtigte jeden Aspekt ihres Alltags. Viele Wunden befanden sich an ihrem Oberschenkel. Bei jeder Bewegung und jedem Schritt spürte sie Schmerzen und fühlte sich unwohl. Jeder Verbandswechsel war quälend, weil die Wundauflagen an ihrer Haut zogen und sie reizten. Sogar das tägliche Duschen stellte eine Herausforderung für sie dar, weil ihr Wundverband nicht wasserdicht war. Fast ein Jahr lang konnte sie nicht das Leben führen, das sie wollte.

Ihre Wunden hinterließen Narben (körperlich und emotional). Ihr Mann, ihr Sohn und ihre beste Freundin mussten sie mit aller Kraft unterstützen und ermutigen.

Kapitel zwei: Frau Näf, die Wundexpertin

Nun, darf ich mich kurz vorstellen? Mein Name ist Melanie Näf. Ich bin Expertin für Wundbehandlungen bei ambulanten Patienten und arbeite in Oberuzwil im Schweizer Kanton St. Gallen in einer Spitex.

Was genau heißt, Expertin für Wundbehandlungen zu sein? Nun, das ist eine Aufgabe, die schnelles Überlegen und Vertrauen erfordert. Die Fähigkeit, die richtigen Lösungen, Produkte oder Methoden für eine schnelle und effektive Wundheilung zu finden.

Menschen wie wir treffen Entscheidungen, die eine große Wirkung für Patienten haben können.
Bereits nach zwei Tagen mit dem falschen Behandlungsplan hat man das Vertrauen seines Patienten verloren, ein Produkt verschwendet und damit finanzielle Mittel vergeudet (die sowieso immer knapp sind).

Für diese Arbeit muss man in der Lage sein, eine Wunde zu beurteilen und zu diagnostizieren, dabei aber auch die Bedürfnisse und Erwartungen eines Patienten erfüllen. Das lohnt sich. Es erfordert Konzentration, Sorgfalt und eine hohe emotionale Intelligenz. Wundbehandlungen sind eine sich ständig ändernde Herausforderung. Aber das ist genau das, was ich will.

Laut der Initiative Chronische Wunden (ICW), einer Vereinigung für Wundheilung aus Deutschland, leiden zwischen 0,08 Prozent und 1,0 Prozent der deutschen Bevölkerung an offenen Beinen (Ulcera cruris venosa). Das sind schätzungsweise 800.000 Patienten. Dieser Wert wird voraussichtlich jährlich zunehmen, wobei die Mehrzahl der Fälle im Ambulanzsektor behandelt wird. Studien zeigen, dass hier in der Schweiz von fast acht Millionen Einwohnern rund 300.000 an einer chronischen Wunde leiden.
In meiner Zeit bei der Spitex stieg die Anzahl der Klienten mit Hautdefekten stetig an.

Im Jahr 2015 behandelten wir geschätzt 225 Wundfälle, 2016 waren die Therapeuten bereits für über 300 Klienten mit Wunden zuständig. Insgesamt besuchte die Spitex 2016 über 18.400 hilfsbedürftige Menschen in ihrem Zuhause. Zusammen mit der steigenden Anzahl wuchsen auch die Herausforderungen der Krankenpflege. Wir begannen, die Entscheidungen zu treffen, und machten an den Stellen weiter, an denen Chirurgen und Mediziner ihre Patienten nach Hause entließen.

An diesem Punkt traf ich Frau Eckstein.

Ich begann ihre Behandlung mit hydroaktiven Wundauflagen von HARTMANN. Diese sorgen dafür, dass abgestorbenes Gewebe beseitigt und absorbiert wurde. Dies war eine sanftere Methode, als das wöchentlich mechanische Abtragen von totem Gewebe (Debridement) mit einem Skalpell. Sie war schmerzfrei und musste nicht permanent auf den Verbandswechsel warten, der nun nur noch jeden dritten Tag erfolgte.

Nach nur wenigen Wochen war der „Spuk“ zu Ende. Gerade rechtzeitig, um das erste Bad der Sommersaison im lokalen Schwimmbad zu genießen. Ein Jahr später war Frau Eckstein wieder ganz die Alte. Sie genießt jetzt die Zeit mit ihrem frisch geborenen Nachwuchs, als glückliche Ehefrau und in einem neuen Job. Frau Eckstein hat heute ihr Leben wieder zurück.

Kapitel drei: Fortsetzung folgt

In solchen Momenten bin ich sehr stolz darauf, im Pflegedienst zu arbeiten.

Fachpersonal, wie ich selbst, ist zum Zentrum der Pflege geworden. Es liegt in unserer Verantwortung, die Bedürfnisse jedes einzelnen Patienten zu verstehen. Auch zu wissen welche Spezialisten – von der Pflegekraft, WundexpertIn bis hin zum Allgemeinarzt – im Wundheilungsverlauf eine Rolle spielen. Wir stellen uns auf das abwechslungsreiche Leben unserer Patienten ein und sorgen dafür, dass wir auch berufstätige Männer und Frauen behandeln können. Wir schulen Angehörige, damit sie Tag für Tag ihren Lieben helfen können, die mit ihrer Therapie zu kämpfen haben. Wir untersuchen jede Falte und Kontur ihrer Haut, um ihnen mit gutem Gewissen die beste Wundheilung bieten zu können.

Dieses Gefühl, etwas geschafft zu haben, ist aber oft nur von kurzer Dauer, wenn man sich die Realität anschaut. Hier in meinem Land hätte ich gerne zusammen mit all den anderen ambulanten Pflegekräften den richtigen rechtlichen Rahmen, in dem wir agieren können. Speziell um die zunehmende Verantwortung, die wir tragen, besser erfüllen zu können und um mehr Anerkennung zu erhalten. Wir Pflegekräfte haben alle unsere wunderbaren Momente. Wir alle können unsere Geschichten erzählen, aber unser Weg beginnt gerade erst.

*Patientenname geändert

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