Verbandwechsel zuhause: Hygiene muss sein!

Es ist ein grosser Irrtum zu glauben, dass sich im häuslichen Bereich keine gefährlichen Bakterien finden. Deshalb muss ein Verbandwechsel auch zuhause immer unter aseptischen Bedingungen erfolgen, um bedrohliche Wundinfektionen zu vermeiden. 

In einer repräsentativen Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP), für die 400 Leitungskräfte ambulanter Dienste (Spitex) in Deutschland befragt wurden, zeigte sich, dass anscheinend alle an der häuslichen Pflege beteiligten Gruppen in Sachen Hygiene mehr oder weniger grosse Probleme haben. Dabei ist aus Sicht der ambulanten Pflegedienste fehlendes Wissen von pflegenden Angehörigen ein zentrales Problem. Drei Viertel der befragten Pflegedienstleitungen (76 %) gaben an, dass dies die Umsetzung der fachlichen und gesetzlichen Hygienestandards bedeutend erschwere.
Doch die ambulanten Pflegedienste sehen auch bei sich selbst Probleme, hygienische Standards wie die Händedesinfektion vor und nach Pflegehandlungen einzuhalten. Laut Umfrage liegt dies in den meisten Fällen daran, dass die Mitarbeiter zu wenig Zeit haben (38 %) oder generell zu wenig sorgfältig sind. Als weitere Belastung nannten die Befragten, nicht genügend Personal zur Verfügung zu haben (22 %) sowie Wissensdefizite bei Mitarbeitern (11 %). Als die drei Hygienethemen mit dem dringendsten Informationsbedarf gaben die Befragten an: Umgang mit Pflegebedürftigen mit Problemkeimen (27 %), Händedesinfektion (20 %) und Wundversorgung (16 %). 
Höchst interessant bzw. alarmierend sind auch die Befragungsergebnisse zum Thema multiresistente Erreger, die insbesondere schwer erkrankten Pflegebedürftigen gefährlich werden können. Über die Hälfte aller ambulanten Pflegedienste in Deutschland (57 %) haben 2016 Menschen versorgt, bei denen dokumentiert war, dass sie mit einem solchen Problemerreger besiedelt waren. 
Strukturierte Information zu den erforderlichen Hygienemassnahmen beim häuslichen Verbandwechsel ist also angebracht. Nachfolgend werden drei grundsätzliche Hygieneregeln aufgezeigt, die dabei helfen, das Infektionsrisiko zu senken.
 

Durch Hygiene Wundinfektionen vermeiden

Die Infektion der Wunde ist die folgenschwerste Störung der Wundheilung. Sie wird durch die verschiedensten Mikroorganismen verursacht, die in die Wunde eindringen, sich dort vermehren und dabei schädigende Giftstoffe erzeugen. Das Infektionsgeschehen ist zumeist örtlich begrenzt und führt durch Gewebszerstörungen mit Nekrosenbildung zu unterschiedlich schweren Wundheilungsstörungen. Jede lokal begrenzte Infektion kann sich aber auch über die Blut- und Lymphbahnen bis hin zu einer akut lebensbedrohlichen Sepsis (Blutvergiftung) ausweiten. 
Das Infektionsrisiko, das der Einzelne trägt, ist unterschiedlich hoch. So sind ältere Wundpatienten durch die häufig vorliegende Multimorbidität und dem schlechten Immunstatus mit Abwehrschwäche besonders infektionsgefährdet. Auch die Wundursache spielt im Hinblick auf die Infektionsgefährdung eine grosse Rolle. Beispielsweise tragen Patienten mit arteriellen und diabetischen Ulzera sowie Dekubitus ein extrem hohes Infektionsrisiko. Unheil droht aber auch durch das verstärkte Auftreten antibiotikaresistenter Keime, die bei offenen Wunden zu lebensgefährlichen Infektionen führen können.
Diese kurze Darstellung der Infektionsrisiken beim Verbandwechsel macht deutlich, wie wichtig das hygienische, aseptische Arbeiten beim Verbandwechsel ist. Dabei ist es weder schwierig noch zeitintensiv, die grundlegenden Hygieneregeln einzuhalten:
 

Regel Nr. 1:

Niemals die Wunde mit blossen Händen berühren. 

Regel Nr. 2:

Hygienische Händedesinfektion durchführen.

Regel Nr. 3:

Hygienisches Umfeld schaffen.

Erforderlich ist allerdings: Disziplin und Gewissenhaftigkeit bei der Durchführung des Verbandwechsels. Denn nur so lassen sich Risiken vermeiden.

Regel Nr 1: Niemals die Wunde mit blossen Händen berühren

Da die meisten Wundinfektionen durch Handkontakt übertragen werden, ist beim Verbandwechsel immer die sog. „No-“ bzw. „Non-Touch-Technik“ anzuwenden. Das heisst, Wunde oder Verband dürfen niemals mit blossen Händen berührt werden.
Alle Behandlungsmassnahmen direkt an der Wunde werden ausschliesslich mit sterilen Pinzetten und / oder sterilen Instrumenten durchgeführt. Zum Selbstschutz (Arbeitsschutz) und um eine Keimverbreitung zu vermeiden, sind jedoch auch bei der Verwendung steriler Pinzetten / Instrumente Einmalhandschuhe zu tragen. Diese können unsteril sein, die Wunde darf aber damit nicht berührt werden. 
Kommt man mit sterilen Pinzetten in der Handhabung nicht zurecht, weil beispielsweise die Wundverhältnisse besonders schwierig sind, müssen sterile Einmalhandschuhe angezogen werden. Damit dürfen dann die erforderlichen Massnahmen an der Wunde direkt mit den Händen durchgeführt werden.
Wie viele sterile Pinzetten benötigt werden bzw. wie oft die sterilen / unsterilen Einmalhandschuhe gewechselt werden müssen, ist abhängig von der Wundsituation und den erforderlichen Wundpflegemassnahmen. Ein Handschuhwechsel kann beispielsweise infolge einer Kontamination während der Reinigung (Nekrosenabtragung, Spülung, Desinfektion usw.) erforderlich werden.
Um Keimverbreitung zu vermeiden, müssen die Handschuhe „richtig“ ausgezogen und sofort entsorgt werden. Richtiges Ausziehen ist: Handschuhe an den Stulpen fassen und über die Finger abziehen, sodass der äussere Handschuh nach innen gestülpt wird. Im Anschluss daran erfolgt erneut eine Händedesinfektion.
 

Regel Nr. 2: Hygienische Händedesinfektion durchführen

Eine korrekt durchgeführte Händedesinfektion vor und nach dem Verbandwechsel ist eine der wichtigsten Massnahmen zur Vermeidung von Infektionen. Sie ist auch erforderlich, wenn Einmalhandschuhe getragen werden.
Entsprechend aktuellen Hygienerichtlinien hat eine hygienische Händedesinfektion bereits vor der Materialvorbereitung zu erfolgen.
Ringe und Uhren sind vorher abzunehmen, um eine sichere Desinfektion zu gewährleisten.
Wichtiger Tipp: Werden im Anschluss an eine Händedesinfektion Einmalhandschuhe angezogen, ist das vollständige Trocknen der Hände abzuwarten. Bei den gängigen Händedesinfektionsmitteln auf Alkoholbasis ist der Zeitbedarf des Trocknens sehr gering. Nach dem Ausziehen der Einmalhandschuhe erfolgt eine abschliessende Händedesinfektion, um ggf. durch Handschuhperforationen eingedrungene Keime zu eliminieren.
 

Eigenverantwortliche Händedesinfektion

Die Einreibetechnik „eigenverantwortliche Händedesinfektion“ setzt voraus, dass der Anwender eigenverantwortlich handelt und bewusst sowie gewissenhaft auf die vollständige Benetzung der Hände achtet. Ausreichend Händedesinfektionsmittel in die trockene hohle Hand geben, sodass alle Areale der Hände satt mit dem Präparat benetzt werden können [1]. Händedesinfektionsmittel sorgfältig über 30 Sekunden in die Hände einreiben, dabei alle Hautpartien erfassen. Besonderes Augenmerk auf Fingerkuppen und Daumen legen [2]. Sie sind klinisch besonders wichtig, da sie am häufigsten in direktem Kontakt mit Patienten und potenziell verkeimten Oberflächen kommen. An den Fingerkuppen findet sich zudem die höchste Keimdichte im Vergleich zu anderen Hautpartien [3]. 

Regel Nr. 3: Hygienisches Umfeld schaffen

Die Massnahmen dieser Regel sind eigentlich einfach umzusetzen. Sie könnten aber im häuslichen Bereich durch die individuellen Wohnsituationen und -gewohnheiten auf Unverständnis beim Patienten bzw. seinen Angehörigen stossen, das dann durch entsprechende Erläuterungen abzubauen ist. 
Während des Verbandwechsels sollte das Zimmer von anderen Personen nicht betreten werden, um Keimverwirbelungen zu unterbinden. 
Aus diesem Grund ist auch Zugluft zu vermeiden, das heisst Fenster bleiben geschlossen.
Ganz wichtig ist auch, Haustiere wie Hunde, Katzen oder Vögel aus dem Zimmer zu entfernen. Der Grund dafür: Antibiotika-resistente Erreger – also gefährliche MRSA-Erreger – können in beiden Richtungen übertragen werden – von Mensch zu Tier und von Tier zu Mensch. 
Schnittblumen oder sonstige offensichtliche Keimreservoire sind ebenfalls aus dem Verbandwechselbereich zu entfernen.
Unbedingt zu vermeiden ist das Sprechen über offenen Wunden oder Verbänden. Die Mundhöhle ist stark mit Keimen besiedelt, die beim Sprechen direkt in die Wunde gelangen. Ausführliche Erläuterungen zur Wundbehandlung sollten deshalb vor dem Verbandwechsel erfolgen.
Eine Mund- und Nasenmaske ist erforderlich, wenn sehr grossflächige Wunden zu versorgen sind oder der Durchführende an einer Erkältung leidet.
Eine Abdeckung der Haare durch eine Vlies-Haube ist bei der Versorgung grossflächiger, stark infektionsgefährdeter oder bereits infizierter Wunden angebracht.
Die hygienische Sicherheit wird auch erhöht, wenn im häuslichen Bereich über die normale Kleidung eine frische (Einmal-)Schürze angelegt wird.
Problematisch erweist sich im häuslichen Bereich oft die Bereitstellung der benötigten Materialien. Um alle Materialien während des Verbandwechsels schnell zur Hand zu haben, werden sie am besten auf einem ausreichend grossen und leicht zu desinfizierendem Tablett auf einem Kästchen oder Tischchen neben dem „Verbandort“ bereitgestellt. Das Bett des Patienten ist dazu keinesfalls geeignet. 
Alles griffbereit zu haben, ist deshalb so wichtig, damit der Verbandwechsel zügig durchgeführt werden kann und die Wunde nicht unnötig lange offen liegt. Denn das Risiko einer Kontamination oder sogar einer Sekundärinfektion wächst mit jeder Minute, die die Wunde ungeschützt ist. Ebenso kann ein Auskühlen der Wunde zu einer Verzögerung der Heilung führen.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Entsorgung benutzter, verschmutzter Materialien und alter Verbände. Keinesfalls dürfen sie „offen“ in einen Papierkorb entsorgt oder „zwischengelagert“ werden. Es sind keimdichte Behältnisse wie Müllbeutel oder spezielle Abwurfbeutel bereitzustellen, in die diese verkeimten und verschmutzten Materialien sofort nach Gebrauch abgeworfen werden. Gut verschlossen können die Abwurfbeutel dann mit dem normalen Hausmüll entsorgt werden
 

Tipps zum sicheren Arbeiten

Das Abnehmen des Verbandes kann mit einer unsterilen Pinzette erfolgen, weil dabei nur der alte Verband und nicht die Wunde berührt wird. 

Die neue Wundauflage wird mithilfe zweier steriler Pinzetten appliziert. Kommt man damit nicht zurecht, sind sterile Einmalhandschuhe zu tragen. 

Eine Saugkompresse kann mit unsterilen Handschuhen appliziert werden, da hierbei die Wunde nicht mehr direkt berührt wird. 

Patienten und Angehörige in Hygiene schulen

Lückenlose, sichere Hygiene beim Verbandwechsel kann nur gemeinsam mit dem Patienten bzw. seinen Angehörigen gelingen. Dazu wird es oft notwendig werden, sie mit den Hygieneregeln vertraut zu machen, wozu die Pflegekraft häufig viel Fingerspitzengefühl und auch Empathie für die individuelle Lebenssituation des Patienten aufbringen muss. Lohn aber ist, den Patienten vor Schaden zu bewahren.
 

Wundauflage kann Infektionsrisiko reduzieren

Eine der wichtigen Aufgaben des Wundverbandes ist, überschüssiges Exsudat aufzunehmen. Damit werden gleichzeitig Bakterien und abgestorbenes Gewebe aus der Wunde entfernt. Der Verband unterstützt so die Säuberung der Wunde und dient im Hinblick auf vorhandene pathogene Keime der Infektionsprophylaxe. 
Der Wundverband kann aber überschüssiges, bakterienbelastetes Exsudat nur dann in den Saugkörper aufnehmen, wenn die Wundauflage engen Kontakt zur Wundfläche hat. Ein solcher enger Kontakt ist bei flächigen Wunden mit flächigen Kompressen relativ leicht herzustellen. Anders hingegen bei tiefen, zerklüfteten Wunden: Hier muss die Wundauflage tamponierfähig sein, um auch in tiefen Bereichen bakterienbelastetes Exsudat sicher aufzunehmen.
 

Kompressen wie das hydroaktive HydroClean plus sind durch ihren guten Kontakt zur Wundfläche ideal zur Versorgung flächiger Wunden. 

Bei tiefen Wunden und Wundhöhlen ist eine tamponierbare Wundauflage wie HydroClean plus mini oder HydroClean plus cavity notwendig. 

Literatur
1) Köck R, Cuny Ch, Walther B, für den Forschungsverbund MedVet-Staph: MRSA bei Haustieren: Bedeutung für den Menschen, HygMed 2013; 38-7 / 8
2) Diese Tipps entsprechen den „AWMF-Leitlinien zur Hygiene in Klinik und Praxis, Anforderungen der Hygiene bei chronischen und sekundär heilenden Wunden“ (AWMF-Leit¬linien-Register Nr. 029 / 042).

Weiterführende Literatur: Die verschiedenen Empfehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI) zu den Themen Hygiene und Infektionsprävention, die für die Praxis verbindlichen Charakter haben, sind unter www.rki.de abrufbar.